Im Frühjahr waren die plötzlichen Corona-bedingten Schulschließungen unser Sprung ins kalte Wasser in Sachen Homeschooling und digitales Lernen. Im Sommer haben wir gehofft (und gefordert), dass die Politik die Ferien nutzt, um die Schulen auf den Herbst/Winter vorzubereiten. Jetzt stehen wir vor der großen Herausforderung, dass zu viele Schüler*innen und Lehrkräfte in Quarantäne sind (über 200.000), um die Schulen flächendeckend offen zu lassen und gleichzeitig flächendeckende Schließungen wieder dazu führen würden, dass Millionen Schüler*innen vom Lernen abgeschnitten wären und sehr viele Eltern das berufsbedingt nicht leisten könnten. Hinzu kommt, dass die Lehrer*innen und Schulleiter*innen an der Grenze ihrer Belastbarkeit sind und ein großartiges, außergewöhnliches Engagement an den Tag legen, welches unsere größte Wertschätzung verdient!

Hybrid-Unterricht wird also unser “new normal” und hier kommen 7 konkrete Vorschläge, wie wir das an unseren Schulen umsetzen können:

1. FFP2-Masken für die Schulen

Die Sorge, sich – und damit auch gefährdete Personen im eigenen Haushalt – in der Schule anzustecken, ist berechtigt – deshalb wird die Maskenpflicht im Unterricht immer weiter ausgeweitet. Tun wir also alles, was uns möglich ist, um Lehrer*innen und Schüler*innen zu schützen und statten sie mit kostenlosen FFP2-Masken aus.

2. Positivlisten für Plattformen und Schulclouds

Dass Lehrer*innen mit ihren Klassen kommunizieren und digital unterrichten können, muss oberste Priorität haben. Wir brauchen deshalb großzügige bundesweit einheitliche Positivlisten, auf denen alle Plattformen und Schulclouds stehen, die bis mind. Ende 2021 verwendet werden können, damit die Schulen Planungssicherheit haben und wir ihnen viel Zeit bei der Suche des möglichen Hybrid-Settings ersparen.

3. Entscheidungsfreiheit für Schulen beim Hybrid-Unterricht

Die einzelnen Schulen wissen am besten, ob und wie Hybrid-Unterricht (ein Nebeneinander von Präsenz- und Distanzunterricht) in ihrer Situation funktionieren kann. Geben wir ihnen die Freiheit hybriden Unterricht genauso zu organisieren, wie es für sie am besten passt: Schulen entscheiden eigenständig, mit welchen Plattformen und Programmen (auf der Positivliste) unterrichtet wird, wer zuhause und wer in der Schule lernt. Dass eigenständige Testläufe, wie an den Solinger Schulen, von der Politik bisher unterbunden werden, halte ich für einen Fehler. Angesichts unterschiedlicher Infektionslagen und Schulausstattungen müssen wir Flexibilität ermöglichen und den Schulen vertrauen, die besten Lösungen zu finden.

4. Vorübergehende Aufhebung des Kooperationsverbots

Das Kooperationsverbot besagt, dass sich die Bundespolitik nicht in die Ländersache “Bildung” einmischen darf – insbesondere nicht in die Finanzierung von Bildungsmaßnahmen (Ausnahme ist der Digitalpakt, hier wurde extra das Grundgesetz geändert). In Krisenzeiten müssen wir dieses Verbot aufbrechen, um eine einfachere Finanzierung der Dinge möglich zu machen, die wir jetzt dringend brauchen: Masken, Digitale Geräte, System-Administrator*innen und Lüfter für den Klassenraum.

5. Finanzierung von mind. 50% der Ausgaben für digitale Inhalte

Das Problem der Schulen bei der Finanzierung digitaler Bildung ist nicht nur der Mangel an Geldern, sondern vor allem dass diese nicht schnell genug ausgegeben werden können. Unsere Hauptaufgabe ist es deshalb, diesen Ausgabe-Prozess zu entbürokratisieren. Dänemark hat das bei der Digitalisierung seiner Schulen vorgemacht: Dort konnten Schulen – im Rahmen eines Katalogs von Mindestanforderungen – selbstständig digitale Bildungsausgaben tätigen und haben angeschafft, was sie brauchten. Die Politik hat pauschal 50% subventioniert. Erstellen wir in Deutschland einen ähnlichen Mindestanforderungs-Katalog und lassen die Schulen entscheiden, welche digitalen Inhalte und Programme sie nutzen wollen.

6. Flexibilisierung von Prüfungsformaten

Nicht nur Lehrpläne müssen flexibilisiert werden, sondern auch Prüfungsformate. Das würde, gerade in Nicht-Abschlussjahrgängen, derzeit viel Druck aus dem System nehmen. Denn es ist doch absurd, dass in diesem völlig turbulenten Schuljahr die Lehrer*innen in Bezug auf Prüfungen keinerlei Spielraum haben, diese anders organisieren zu dürfen (z.B. Ersatz von Klassenarbeiten durch Portfolios etc.).

7. Sofort-Schulungen zu Hybrid-Unterricht für Lehrer*innen

Die Herausforderungen des Hybrid-Unterrichts sind für viele neu. Wir müssen Lehrer*innen noch mehr unterstützen und sie auf diese neue Art des (digitalen) Lernens vorbereiten – z.B. durch Webinare und Onlineschulungen. Auf Plattformen wie fobizz, zentralen Plattform für Fortbildungen (fibs), Akademien für Lehrkräftebildung und bei Online-Tagungen zu zeitgemäßer Bildung gibt es Module, die zielgerichtete Inhalte liefern. Des Weiteren ist das Twitter-Lehrerzimmer voll mit Positivbeispielen, wie hybrider Unterricht funktioniert. Wir brauchen eine zentrale Plattform an die alle entsprechenden Angebote andocken können.

Auch wenn schwierige Wochen und Monate vor uns liegen, bleibe ich überzeugt, dass diese massive Krise für die Schulen eine besondere Chance bietet. All das, was wir jetzt im Schnelldurchlauf umorganisieren, uns an neuen Fähigkeiten aneignen und an Regeln auflockern, wird uns auch noch nützen, wenn Corona vorbei ist und wir langfristig die Schule von morgen neu bauen.

Diesen Artikel habe ich zusätzlich auf LinkedIn veröffentlicht.